es ist die straße nach eisleben

     

"Es ist die Straße nach Eisleben. Da gibt es eine Telefonzelle."

Die Straße, nächtlich ruhig, es ist neun Uhr abends. Kein Mensch, den man fragen könnte. Nur Alleebäume und Parkplätze. Alleebäume und Parkplätze ohne Ende, man mag es kaum glauben als anwohnerparkender Großstädter. Die Straße steigt kaum merklich an, dahinten soll also irgendwo Eisleben liegen. Keine Telefonzelle weit und breit. Ein gutes Stück weiter ahne ich eine Neonreklame rechts zwischen den Bämen; kann aber ja eigentlich nur eine Fata Morgana sein.

Es ist eine Imbißbude; die Chefin schrubbt die beiden Stufen, ist ganz eins mit ihrer neuen Rolle als Unternehmerin. "Entschuldigen Sie, aber ich muss erst zu Ende putzen, wir ham ja eigentlich schon geschlossen." Ich bin hungrig, merke ich, wollte nur nach der Telefonzelle fragen, bestelle schließlich eine "Heiße Hexe", früher hätte man "Hot Dog" dazu gesagt. Sagt man hier aber wohl nicht. Der Mikrowellenherd funkelt nagelneu, summt nur ganz sachte. Heutzutage werden Hexen nur mehr auf 250 Grad Celsius erhitzt. "Ja, die neue Technik, geht ganz flott!" lobt die Besitzerin.

Das Telefon ist dann im Bahnhofsgebäude, wenige Meter weiter auf der anderen Straßenseite, in der Wartehalle. Es erweist sich aber nur als "Ortssprecher". Warum schaue ich auf den Fahrplan, der in einem Holzkasten hängt? In der Bahnhofsgaststätte wird geflippert. Es gibt noch Radeberger Pils und Wiener Schnitzel mit Pommes. Heute kommt kein Zug mehr.

(Mai 1992)







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im Netz seit 29.10.2001; letzte Änderung: 13.08.2009.   

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