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Hotel Weltfrieden, Halle Dezember 1990, in den Tagen der ersten gesamtdeutschen Wahlen zum Bundestag. Die Gaststätte im linken Teil hieß "Gastmahl des Meeres".




 

Die Geschichte vom Kauf der Kohlensäure

     

 

für Heribert Florian N. ("Schreib das auf!")

Haben Sie schon mal Lungenfunktionsuntersuchungen mit Kaltluft-Hyperventilation bei Schulkindern gemacht?

Falls nein: Sie brauchen Kohlendioxid, um damit die Menge zu ersetzen, die den Kindern bei der erforderlichen stark beschleunigten und vertieften Atmung verlorengeht, ohne dass vermehrt Kohlensäure beispielsweise durch körperliche Anstrengung entstünde, denn die Probanden inhalieren die Kaltluft sitzend, sozusagen locker vom Hocker. Ohne Zusatz von CO2 bekämen sie Kribbeln auf der Haut wie von 1000 Ameisen oder gar Krämpfe und würden etwas blümerant im Kopf. (Die mittelalterlichen Mönche sollen durch stundenlanges Singen von Litaneien versucht haben, diesen Zustand zu erreichen. Heute sagt man Hyperventilations-Syndrom dazu.)

Nehmen wir an, Sie suchen nach Atemwegserkrankungen und wollen mit der kalten Luft die Bronchien ärgern. (So mancher Asthmatiker könnte Ihnen erzählen, dass kalte Luft umso mehr reizt, je trockener sie ist und je schneller man atmet.)

Nun stellen Sie sich einfach mal vor, dieses Kohlendioxid ginge Ihnen aus. Passiert Ihnen nicht? Planung und so weiter? Sicher. Sie lösen jeden Morgen 2 Sicherungshalterungen und wiegen die Gasflasche und haben immer noch eine zur Reserve. Für 5 Minuten können Sie sich aber vielleicht außerdem gedanklich noch in die grade nagelneuen Bundesländer versetzen, und Pläne haben hier eben derzeit keine Chance. Möglicherweise war auch das Ventil nicht ganz zugedreht oder was. Und nun stehen Sie halt vor der leeren Druckflasche, und alle Augen schauen auf Sie: "Der Doktor wird's schon richten." Es ist jetzt 8.15 h.

Manchmal erleichtern vertraute Strukturen ja auch das Leben. Nach wenigen Telefonaten wissen Sie, dass Ihnen die Qual der Wahl erspart bleibt: wenn, dann gibt es sowas im ganzen Bezirk ohnehin höchstens beim "VEB Chemikalien und technische Gase". Wenn überhaupt.

Die Kollegin vom örtlichen Bezirks-Hygiene-Institut berät Sie nicht nur fachkundig, sondern schickt auch noch einen ortskundigen Fahrer samt Wagen, der schon kurz nach halb neun bei Ihnen steht. Noch lächelt man vielleicht beim Ansehen des nicht mehr ganz fabrikneuen Eisenacher Markenwagens und des robust wirkenden Anhängers.

Spätestens die rumpelnden Geräusche auf dem Kopfsteinpflaster, das den einachsigen Hänger zu gelegentlichen Luftsprüngen bringt, während wir in einem weitläufigen und einigermaßen trostlosen Industriegebiet nach besagtem VEB suchen, überzeugen jeden, dass es zu Recht nicht zulässig ist, Druckbehältnisse in Personenkraftwagen zu befördern, und dass dies die beste aller Möglichkeiten ist, Kohlensäure zu kaufen. Die Straßen hier tragen politbüroverdächtige Namen, dafür aber um so seltener Schilder, je weiter wir in das Industriegebiet hineinkommen. Ich freue mich erneut, nicht alleine hierhergefahren zu sein.

Ein auffälliger, vielleicht acht Meter hoher und offensichtlich nagelneuer Gastank, auf dem das Logo einer bekannten westdeutschen Firma für technische Gase in der Sonne blinkt (& nie hätte ich gedacht, jemals beim Anblick eines banalen, bloß halt bekannten Firmenzeichens zwischen all diesen Helden der Arbeit und Neuerern der chemischen Produktivkräfte so aufzuatmen ...) erweist sich leider als Fata Morgana: "Bedaure, Geschäftsbetrieb voraussichtlich ab Anfang nächsten Jahres." Dann endlich beim richtigen VEB: Der Pförtner kriegt den Mund kaum auf, zeigt nur auf ein 50er-Jahre-Bungalow rechter Hand der Toreinfahrt.

Für mustergültige Erfüllung des Plansolls bei der Vermeidung überflüssiger rechter Winkel im Eingangsbereich hat der Architekt sicher eine Plakette erhalten. Die Scheibe vor der Loge der Empfangsdamen ist geneigt in eine selber schon geneigte Wand eingelassen. Zu unseren Füssen breiten sich Rauten aus, aber in den unbayerischen Farben ziegelrot, graugrün und gold. Die Türstöcke sind Trapeze, die Klinken wieder Rauten mit entgegenkommenden stumpfen Ecken. Ein Stuhl mit Kunstleder, der Teppich sicher ein wahres Paradies für Hausstaubmilben: das Aroma von Mitropa.

Hinter der Glasscheibe gießt eine Mittvierzigerin eine einsame Büro-Sukkulente, eine andere telefoniert, die dritte scheint zuständig zu sein: kurze kastanienrote Frisur im Stil der werktätigen Frau. Sie pustet zur Zeit relativ unentschlossen gegen ihre wohl schon annähernd trockenen Fingernägel, würdigt uns keines Blicks. Falls Sie nach ungefähr fünf Minuten ungeduldig werden oder etwa vernehmlich hüsteln oder nochmal "Guten Morgen!" wünschen sollten, träte Ihnen Ihr Fahrer genau wie mir auf den linken Großzeh, raunend: "wir woll'n doch hier wat". Wir scheinen bislang die einzigen Kunden an diesem jungen Tag zu sein, kommen schließlich aber doch dran.

Ernüchtert höre ich, es gäbe zwar Kohlendioxid, ja, alle Gase, die es überhaupt in Flaschen gibt, leider jedoch nicht zum Verkauf an Privatpersonen, nur an Betriebe, HOs. Die Empfehlung des BHI wirkt dann doch ein kleines Wunder, aber am meisten Eindruck macht wahrscheinlich die Tatsache, dass ich einen Fahrer habe, der sich mit einer kurzen Bemerkung im besten Dialekt ausweist.

Nach einem Telefonat mit der Vorzimmerdame des Leiters des VEB, der gerade in einer Konferenz weile, werden jedoch eherne Prinzipien erstaunlich schnell auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen. Sie zuckt die Achseln: da drüben an der Verlade, sie zeigt vage auf irgendwas weiter hinter ihrer Schulter und der Fensterscheibe, da könn Se's ja mal versuchen.

Leichter gesagt als gefunden. Das Gelände ist weitläufig. Es scheint die vorletzte Halle links zu sein, jedenfalls die einzige, wo eine Menschenseele zu sehen ist, genauer gesagt etwa acht oder neun Leute, qualmend, eher beiläufig. Klar doch. Kein Problem. Was da genau drin ist? Für medizinische Zwecke? Gibt eh nur zwei Sorten, nehm Se halt die bessere Qualität, da is nur noch Wasser drin außer der Kohlensäure. Wunderbar, das Blatt wendet sich. Die kleinen da, er weist auf eine circa eins zwanzig hohe Druckflasche. Doch die Freude war verfrüht: alles TGL-Gewinde, sowjetische Norm, gültig im gesamten RGW. War es nun schlau, die Sicherungsüberwurfmutter unserer leeren Flasche mitzunehmen, oder nicht?

Schade, ja dann... grade als ich überlege, wie ich das dem Chef beibringe und mit hängendem Kopf von der Rampe springen will: ach so, ja, da hinten, er nimmt die HB nicht aus den Lippen, es muß der Vorarbeiter sein, dahinten in der Ecke, die Irrläufer mit den falschen Gewinden, weiß der Teufel, wo die herkommen, hätten eigentlich gar nicht gefüllt werden dürfen, kann ja eh kein Mensch brauchen, da könn Se ja noch mal kucken.

Soso. Kann keiner brauchen. So schnell bin ich selten in so einer dunklen Lagerecke gewesen. Rost, mehr Rost als Gewinde an den Teilen, aber offensichtlich DIN-Gewinde. Ich merke zum ersten Mal, dass ich auf DIN-Normen stehe. Die Überwurfmutter knirscht, Hosianna, der Münchner im Himmel. Schon die fünfte oder sechste Flasche zieht die Mutter gradezu alleine an: passt. Aber ob da überhaupt was drin ist? Ein kurzes Klopfen des Kenners mit der HB (wer wird denn gleich in die Luft gehen?): ja sicher, die is voll bis oben. Hört man doch am Klang!

Die Bombe gehört aber leider zu den ganz dicken Kalibern. Na egal. Ja, sicher könn Se die haben. Der Fall scheint behoben, die Werktätigen trollen sich. Wahrscheinlich ist grade die Frühstückspause zu Ende. Ziemlich allein mit meiner Flasche stehe ich auf einmal in der Halle, will sie kaum mehr aus den Augen lassen. Da kommt gottlob der Fahrer mit dem Auto und irgendwie kriegen wir das Ding von der Verladerampe gehievt und auf den Hänger.

Zurück zur Rezeption. Bar zahlen geht nicht. "Nein, auch kein Euroscheck. Wie Sie sich das einfach mal vorstellen." Jetzt denkt sie sicher: typisch Wessi. Ein schreckliches Wort. "Machen wir ja sonst auch nie." Klar, bei handverlesenen Abnehmern. Irgendwie wurde das wohl alles mit dem Plan verrechnet. Und gegen Rechnung? "Ja, in diesem Fall. Ausnahmsweise aber."

Es wäre wahrscheinlich einfacher gewesen, unauffällig loszufahren, als diese Rechnung zu bekommen, das Original bitte an die Uni Dingstal, Dezernat soundso. (Das Pfand für die Leihflasche wächst sich noch zu einem letzten Problem aus. "Wissen Sie, die müssten Sie eigentlich zurückbringen, leer versteht sich, det könn Se ja nich einfach mit in den Westen nehmen." (Wo sie vermutlich herstammt.) Aber die Dialektik hat ihren Preis: "Aber andererseits dürfen wir sie ja eigentlich gar nicht zurücknehmen mit dem falschen Gewinde ..." Na, sie ist plötzlich sehr großzügig, der Nagellack scheint definitiv trocken zu sein. "Nu fahr'n Se mal. Guten Tag!"

Unsere MTA ist dann ziemlich ungehalten, als wir auf den Schulhof rollen. "Ihr wart wohl Kaffeetrinken, ne? Von wegen, längste Frühstückspause der Weltgeschichte. Für so ne Lappalie. Wat soll man sagen." Dabei: Es ist erst kurz nach halb zehn. Irgendwie ungleichzeitig.

Also, wenn Sie mal ... Sie wissen schon...Kaltluft ... vergessen Sie die Überwurfmutter nicht!





[es ist die straße nach eisleben]   [liechtenstein]   [mittwochnachmittag, sperrmüll bound]  

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im Netz seit 29.10.2001; letzte Änderung: 21.03.2007.   

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