mittwochnachmittag, |
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Es war noch ziemlich früh am Nachmittag, als ich wieder halbwegs gestylt vom Friseur kam, und ich beschloß, die S-Bahn zu nehmen. Vielleicht war sie ja tatsächlich da. Sie war zwar immer ein wenig oder auch deutlich neben dem Durchschnitt gewesen, aber jede ihrer Nachrichten auf meinem Anrufbeantworter seit Sonntag machte die vorangegangenen merkwürdiger. Und dann noch der Anruf ihrer Mutter, die in einem gut 100 km entfernten Städtchen wohnt: offensichtlich wieder ein Schub. Zuerst will man sowas ja nicht wahrhaben. An einem ehrenvoll in die Jahre gekommenen Bahnhof packt mich jedesmal die Nostalgie des früheren Modelleisenbahners, es weht immer ein eigentümlicher, aber nicht unbedingt unangenehmer Geruch nach Schienen, Öl und Rost. Ich steige aus, laufe auf den Vorplatz, etwas ratlos. "Komm vorbei oder ruf zurück", hatte sie als letztes hinterlassen, und nur die Straße und Hausnummer hinterlassen, angeblich wohne sie jetzt hier bei ihrem neuen Freund. Ziemlich absurd. Naja, vielleicht treff ich sie gar nicht an, ein Nachmittag sinnlos dahin, aber ich hab's wenigstens versucht. Es regnet, es ist Oktober, es wird bald dunkel werden. "Haaallo ... hier bin ich." Sie steht da mit Pappe in der Hand und Laub, herbstlich bunt, unter den Kastanien vor der Synagoge, hat grade was aus dem Rinnstein aufgehoben. Zerknülltes Paper. Und das Wiedersehen ist eher kalt und ernüchternd, ihre Stimme ungewohnt hart. "Komm, wir gehen zum Auto." Sie hetzt, biegt in einen Blumenladen, sagt, man möge den Strauß ins Wasser stellen bis morgen, wenn man zusammenarbeite, sei alles ganz einfach. Bleibt abrupt stehen, offensichtlich ihr Auto, ein kleiner Fiat, beige. "Hältste mal?" Sie reicht mir den Abfall hin, den sie aufgesammelt hat. Ich, ungläubig, verdattert, nehme ihr tatsächlich die braune Pappe ab und das trockene Laub. "So sind Männer, alle sind sie so." Sie pfeffert den ganzen Schrott unter die Hutablage. Bis jetzt waren keine zwei Minuten vergangen, schien es mir. Alles ging schnell, sie machte den Eindruck, sie stünde unter Strom. "Ich zeig Dir was. Das Dumme ist nur, dass ich ja keinen Schlüssel habe." Wir stehen vor dem Haus, in dem ihr neuer Liebhaber wohnt. Ich will wissen, wie sie dann reingekommen sei: "Durchs Fenster." Ich verstehe gar nichts mehr. Und wo ist er? "In Hannover." Mir fällt ein, dass ein alter Studienkollege hier in der Straße wohnt. Vielleicht ist sie wirklich übergeschnappt. Eine mittelalte Frau verläßt das Haus. "Dann könn wir ja rein." Sie stürmt an den teils maroden Briefkästen vorbei, es riecht ein bißchen modrig und nach ranzigem Wachs. Im Hausflur ein Objet trouvé: die quadratische milchweiße Plastikabdeckung einer Neonleuchte, innenseitig mit Ölfarben bekleckst. "Einfach so gefunden." Dann durch auf den kleinen Hinterhof: "Sieh, was ich gemacht habe." Der Hof war vielleicht 5 mal 8 Meter groß, hohe Backsteinmauern ringsrum, mit Mülltonnen und einer Teppichstange, asphaltiert. Etwa in der Mitte hat sie einen an den Fransen angesengten Teppich ausgebreitet, der wohl auch in seinen guten Tagen nicht allzu schön war. An der Wand eine Reihe Stühle, teils dreibeinig, offensichtlich für den Sperrmüll bestimmt. Und sie hat in der Tat aus diesem ganzen Kram so etwas wie ein Wohnzimmer arrangiert; es sollte ja auch eine Kaffee-und-Kuchen-Gesellschaft werden. Die anderen seien aber nicht gekommen ... Bizarr ist es, ein bißchen gespenstisch. Sie erklärt mir, die Scherbe da sei der Zuckerstreuer, Teller hätten wir halt im Moment leider nicht. Mir ist mulmig. (24.10.1994) |
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im Netz seit 29.10.2001; letzte Änderung: 09.09.2002. |
http://www.magicvillage.de/~reinhard_kaaden/zeugs/sperrmuell.html |